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Bei einer Managertagung Ende 2008 im Münchener Interconti sollte es, wie allgemein üblich, ein Erlebnis- Bonbon geben. Im Programm hieß es: „TaKeTiNa – zu sich selbst finden durch die Urkraft des Rhythmus“. Dauer: drei Stunden. Reinhard und Cornelia Flatischler aus Wien waren dafür mit Percussion-Equipment angereist. Pardon, entschuldigten sich die gestressten „High-Potentials“ mit Blick auf die archaisch anmutenden Trommeln, länger als ein Viertelstündchen könnten sie leider nicht bleiben. Und dann? „Nicht einer von ihnen ging“, sagt Reinhard Flatischler. 150 Männer und Frauen aus der Welt des Business ließen sich von der tiefgreifenden Rhythmuserfahrung drei volle Stunden in den Bann ziehen, sammelten sich in Kreisen, fanden ihren Rhythmus beim Schreiten, Klatschen und Singen. Woher bezieht der Rhythmus seine Faszination? „Es ist das Elementare“, sagt Reinhard Flatischler, „das uns bereits als Embryo mit dem mütterlichen Herzschlag begegnet.“ Rhythmus vermag Menschen in erweiterte Bewusstseinszustände zu versetzen und hat schon deshalb in allen Völkern seit jeher seinen Platz. Als Sechsjähriger hatte Reinhard Flatischler in einem Konzert mit Ravi Shankar und Alla Rakha erstmals eine Tabla-Trommel erlebt. „Sie begann zu mir zu sprechen und führte mich in einen Zustand, den ich bislang noch nicht gekannt hatte“, sagt er. Flatischler studierte später Klavier, Komposition und Musikpädagogik. Gleichzeitig begann er auf Reisen durch alle Kontinente, sich mit archaischen Rhythmusformen zu befassen. Er erlernte dutzende traditionelle Schlag- und Rhythmusinstrumente spielen – von der Tabla aus Nordindien bis zum brasilianischen Berimbao, einem bogenförmigen Instrument mit einer einzigen Saite. Vor knapp vier Jahrzehnten entwickelte er TaKeTiNa als Rhythmuspädagogik, neues musikalisches Lernen, Therapiebegleitung und spirituellen Weg für Menschen, die zu sich selbst kommen wollen. Gemeinsam mit seiner Frau Cornelia bietet er Workshops und Seminare an. Es beginnt mit dem Schreiten, nach und nach kommt das Klatschen hinzu, später das Singen. Hier tauchen die Silben Ta-Ke-Ti-Na auf, sie bedeuten nichts, sind jedoch, wie Flatischler sagt, „geballte Klang und Rhythmusinformationen“. Die drei rhythmischen Bewegungen im Schreiten, Klatschen und Singen sind zusammen hochkomplex und überfordern das rationale Erfassen. Das Gehirn „steigt aus“, der Mensch gerät in Trance, in eine erweiterte Wahrnehmung. Für Ta- KeTiNa bedarf es keinerlei musischer Vorbildung. Die Teilnehmer erfahren rhythmische Grundelemente ganzkörperlich, manchmal auch in komplexen Überlagerungen. Sie lernen dabei der tragenden Kraft von Rhythmus zu vertrauen. Rhythmusinstrumente und die Stimmen der Workshopleiter unterstützen sie dabei – oder bringen sie bewusst aus dem Takt. „Es kann ein tiefer Lernprozess sein, aus dem Rhythmus zu fallen.“ Indem die Teilnehmer wieder zum Rhythmus zurückfinden, merken sie früher oder später, dass sie vom Rhythmus der Gruppe getragen werden. Reinhard Flatischler: „Das stärkt die Fähigkeit des Loslassens und das Vertrauen in die eigene Persönlichkeit.“ Die Erfahrung dieser „extremen Tiefenentspannung“ sei essenziell. Musiker lernen so u.a. das Improvisieren, das Grooven. Manager, die gern drei Dinge simultan erledigen, sind fasziniert von der Möglichkeit der „gleichzeitigen Wahrnehmung“. Und ganz normal gestresste Zeitgenossen genießen den Kontakt mit ihrem Wesenskern, wie Reinhard Flatischler sagt. Er erlebte Teilnehmer, die mit TaKeTiNa ihren Tinnitus heilen konnten. Er selbst, ehemals Asthmatiker, fand mit bewusster Rhythmus-Arbeit aus einem lebensbedrohlichen status asthmaticus heraus. In Deutschland arbeiten einige ausgebildete TaKeTiNa-Pädagogen in Rehaund Schmerzkliniken. Derzeit erforscht Flatischler gemeinsam mit Ärzten und Wissenschaftlern von Wiener Universitäten die biophysikalischen Grundlagen der Prozesse, die während eines TaKeTiNa-Prozesses im Gehirn, im Kreislauf und im vegetativen Nervensystem ablaufen.
Regine Rachow