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„Heinz Raab suchst du? Schau mal in den Pavillon des Bundesbildungsministeriums!“ Vor dem winzigen Messestand des nlpaed auf der DIDACTA 2009 vollzieht die Besucherin eine Wende um 180 Grad und richtig: Keine zehn Schritte entfernt hantiert im pompösen Stand der deutschen
Bildungspolitik ein gesetzter Herr mit Filzstift und speziell zugeschnittenen A4-Blättern. „Hier hab ich herrlich Platz für meine Bodenanker“, schwärmt Heinz Raab aufgeräumt. Im Halbstundentakt bietet er Messebesuchern Kurzzeitcoachings. Dazu wechseln seine Klienten – mittels jener Bodenanker – von der eigenen Perspektive in die „Perspektive“ ihres Konflikts, den sie gern lösen würden: Entscheidungsstress, Ärger mit dem Vorgesetzten, ein fataler
Hang zu Schokolade.
Es ist immer wieder erstaunlich, sagt Heinz Raab, wie rasch Menschen einen völlig anderen Blick auf ihr Problem bekommen, wenn sie die Möglichkeit erhalten, es ausnahmsweise einmal nicht im Gespräch, sondern nur auf der Gefühlsebene zu „bearbeiten“. Und zwar allein dadurch, dass sie körperlich andere Standpunkte einnehmen. Es ist nachmittags um vier, Heinz Raab ist wie an allen Messetagen seit neun Uhr auf den Beinen, hat heute etliche Coachings hinter sich und wirkt geradezu provozierend fit. 83 Jahre alt soll er sein? Kaum zu glauben.
In diesem Jahr war der nlpaed, der 2001 als „Deutscher Verband für neurolinguistische Verfahren in Bildung und Erziehung e.V.“ gegründet wurde, erstmals mit eigenem Stand auf der DIDACTA in Hannover vertreten. Es verstand sich von selbst, dass Heinz Raab den Stand persönlich mitbetreute. Der nlpaed entstand auf seine Initiative. Bis heute schreibt Heinz Raab regelmäßig den Newsletter für die offizielle Website, berichtet aus Reformpädagogik und Hirnforschung, lädt Experten zu den Fachtagungen ein und sorgt so für ständigen Wissensumschlag unter den 300 Mitgliedern. Als junger Kriegsheimkehrer hatte Heinz Raab einst Psychotherapeut werden wollen. In der amerikanischen Bibliothek seiner hessischen Heimat las er sich in die Tiefenpsychologie ein: Adler, Freud und Jung – alles auf Englisch. Die finanzielle Lage der Eltern gab keine Therapeutenausbildung her, Heinz Raab wurde Lehrer. 22 Jahre lang hat er dann eine öffentliche Schule mit bis zu 1200 Kindern geleitet, immer im Spannungsfeld zwischen Pflicht und Kür. Pflicht waren Amtsvorgänge, Kür die Menschen. „Wenn jemand zu mir kam, schob ich alle Akten beiseite.“ Nebenbei gründete er die örtliche Volkshochschule und war Lehrerbildner. Mit 55 bekam er Krebs. Die Krankheit habe ihm klar gemacht, nach welchem obersten Wert er bis dahin gelebt hatte: Pflichterfüllung.
Heute nennt Raab „eine gute Beziehung zu Menschen“ seinen Leitwert. Sein Weg dorthin führte unter anderem über das Neurolinguistische Programmieren. Mit 58 beginnt Raab seine NLP-Ausbildung bei Thies Stahl in Hamburg. Er hat ein Alter, in dem körperlich die Kräfte langsam schwinden. Doch geistig erlebt er eine unglaublich intensive Entwicklung. „Mein gesamtes Erleben wurde reicher.“ Im Grunde, sagt er, geht es seither bergauf. Mit 62 macht er den NLP-Master und eröffnet nach der Pensionierung die „Praxis für personale Pädagogik“. Noch immer kommen Klienten, Menschen mit meist handfesten Problemen: Alkohol, Krankheit, Einsamkeit. Noch immer sei er wie euphorisiert, wenn ein Klient nach der Sitzung die Praxis aufrechten Ganges wieder verlässt. So mancher zahlt
nichts dafür, „eben weil er nix hat“.
Am DIDACTA-Stand des Bundesbildungsministeriums provoziert Raabs Treiben durchaus skeptische Blicke. Eine Standbetreuerin stakst auf hohen Absätzen über eines der Blätter, jemand hat mit schwarzem Stift „Antreiber“ drauf geschrieben, der Bodenanker für das Problem eines Klienten, der schon längst wieder auf und davon ist. Raab lächelt versonnen, als Coach ist er ganz bei sich. Als nlpaed-Ehrenvorsitzender sähe er es gern, wenn „Sozialkompetenz und Selbstkompetenz endlich in den Fokus deutscher Bildung, Erziehung und Weiterbildung rücken würden“. Doch er spürt Grenzen. „Mit 300 Verbandsmitgliedern kannst du nicht eine ganze Bildungslandschaft umformen.“ Wie gut es wäre, sinnt er, Reformpädagogen und Hirnforscher auf einer Plattform zu versammeln, um ein vorwärts treibendes Gegenstück zur Kultusministerkonferenz zu bilden! Er ist schon auf der Suche nach Sponsoren.